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Eine Befreiung

Description:  Story by Karl May
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Eine Befreiung


I

Ich war von Tripolis nach Mursuk, der Hauptstadt der Provinz Fezzan, gekommen und bei dem reichen, jüdischen Handelsherrn Manasse Ben Aharab, an welchen ich gute Empfehlungen hatte, abgestiegen. Er nahm mich mit großer Gastfreundlichkeit auf und that es nicht anders, ich mußte in seinem Hause wohnen und wurde in demselben geradezu wie ein Sohn gehalten. Das bedeutete einen außerordentlichen Vorzug, denn er war nicht nur reich, sondern auch sehr stolz und lebte außerordentlich zurückgezogen, vielleicht auch aus dem Grunde, weil die Bevölkerung von Mursuk meist aus Muhammedanern besteht, von denen der Jude bekanntlich noch viel geringer als der Christ geachtet wird. Der Moslam erklärt Christum für den größten Propheten und kann es dem Juden nicht vergessen, daß seine Vorfahren Isa Ben Marryam d.i. Jesus, den Sohn Mariens, gekreuzigt haben.

Manasse war Wittwer und hatte ein Kind, eine Tochter, welche Rahel hieß. Sie mochte, als ich mich bei ihm befand, fünfzehn Jahre zählen, war aber, dem südlichen Klima angemessen, körperlich und geistig nicht nur vollständig entwickelt, sondern sogar vielleicht das schönste Mädchen, welches ich jemals gesehen habe. Ihre Schönheit war weit und breit berühmt und da sie eigentlich aus Sokna stammte, woher ihr Vater vor einigen Jahren nach Mursuk gezogen war, so wurde sie allgemein die ”Rose von Sokna“ genannt.

Ich hatte schon unterwegs, als ich in Sokna einen Tag ruhte, von ihr gehört und will aufrichtig gestehen, daß ich neugierig war, zu sehen, ob sie diesen Namen wirklich verdiene. Und ja, sie trug ihn mit vollem Rechte. Als ihr Vater mich zu ihr führte, fanden wir sie auf einem rothsammetnen Polster liegen, welches sich rundum an die vier Wändes des Gemaches schmiegte. Sie trug eine weite, weißseidene Frauenhose, welche mit goldenen Spangen an die feinen Knöchel befestigt war und um die Hüften von einem blaßblauen, reich in Gold gestickten Gürteltuche festgehalten wurde. Die nackten, rosig schimmernden Füße steckten in niedlichen, violettseidenen Pantöffelchens. Um den Oberkörper schloß sich eine eng anliegende dunkelblauseidene Jacke, welche anstatt der Knöpfe von schwergoldenen Ketten zusammengenestelt war. Das blauschwarze, dichte Haar hing in langen, schweren Zöpfen weit herab; Nadeln mit großen, silbernen Knöpfen glänzten in demselben und über die Stirn breitete sich ein loses Diadem von Goldstücken verschiedener Größe. An den kleinen Händen funkelten Ringe von gewiß sehr hohem Werthe.

Das aber war es nicht, was mir imponiren konnte. Es giebt verschiedene Arten von Reichthum. Man kann reich sein an Erfahrung, an Ehren, an Bildung - auch an Geld, und dieser letztere Reichthum hat an sich keinen Werth für mich. Aber dieses Gesicht! Ich unterlasse es, dasselbe zu beschreiben, denn was ich erzähle, soll keine Liebesgeschichte sein, doch auf diesen prächtig gezeichneten Lippen lagerte der Ausdruck stolzer Reinheit und weiblicher Güte, und aus den mandelförmig geschnittenen, großen, dunklen Augen leuchtete ein ruhiger, offener, selbstbewußter Blick, welcher erkennen ließ, daß die ”Rose von Sokna“ auch in Beziehung auf ihren Geist und ihr Gemüth mehr als ein gewöhnliches Mädchen sei.

Sie erhob sich bei unserem Eintritte und sah mich forschend an. Vor diesem Auge, wie sie es so auf mich richtete, konnte sich gewiß ein unedler Character verbergen.

”Das ist der deutsche Effendi, dessen Ankunft mein Geschäftsfreund in Tripolis mir gemeldet hat,“ sagte ihr der Vater.

Da reichte sie mir die Hand und sprach:

”Du bist uns sehr willkommen, Effendina. Der Brief, welchen wir erhielten, hat uns viel von Dir erzählt. Wir erfuhren, daß Du weit über die Erde gewandert bist und weit mehr erlebt und erfahren hast, als viele andere Menschen. Ich habe mich auf Dein Kommen gefreut, denn wir leben hier sehr einsam, weil wir Niemand haben, dem wir Freund sein möchten. Bleib recht, recht lange in unserm Hause, dessen Wirthin ich bin! Ich werde mich bemühen, daß es Dir bei uns gefallen möge.“

Ich wurde Du genannt, weil wir arabisch sprachen. Ihr Wunsch ging in Erfüllung: es gefiel mir außerordentlich bei Manasse Ben Aharab und seiner Tochter. Er that alles Mögliches, mich zu halten und sie war trotz ihrer Jugend eine vortreffliche Wirthin, wie ich sie hier in der afrikanischen Oase nicht gesucht hätte.

Ich kam aus der Heimath, war vorher in Nordamerika gewesen und wollte nun tief in die Sahara hinein. Das durfte nicht plötzlich geschehen, wenn ich nicht meine Gesundheit schädigen wollte. Ich mußte, wie der Kunstausdruck ja lautet, mich trainiren und erst kurze und dann immer weitere Ausflüge unternehmen, um mich wieder an das Wüstenklima zu gewöhnen. Jedem dieser Ausflüge ging ein besorgter Abschied voran, besorgt, weil man wohl glaubte, daß ich nicht zurückkehren würde, und kam ich dann wieder, so sah ich, daß die Freude darüber ebenso groß wie aufrichtig war. Wie wurde ich gebeten, mich zu schonen, mich ja nicht in Gefahr zu begeben! Ich habe auf meinen Reisen viel Güte, viel Liebe gefunden und kann wohl sagen, daß die Erinnerung an dieses gastliche Haus in Mursuk mit zu meinen schönsten gehört.

Natürlich brauchte ich auf diesen Ausflügen einen Begleiter; so wenigstens dachten Manasse und Rahel, während ich ebenso gern allein geritten wäre. Meine Erfahrung und meine guten Waffen genügten mir. Mein Wirt hatte mir einen Diener empfohlen, welcher Ali genannt wurde. Dieser war noch jung, vielleicht dreiundzwanzig Jahre alt und ein sehr brauchbarer Mensch. Er sprach mehrere arabische Dialecte, hatte keinen Familienanhang, der ihn örtlich binden konnte, war treu, ergeben und, was die Hauptsache ist, sehr ehrlich und hatte sich sehr bald - ich möchte fast sagen - förmlich in mich verliebt. Nun, das schadete nichts; das konnte mich nur freuen, und ich will gern zugeben, daß ich ihm auch gewogen war.

Einen Fehler besaß er, der mir aber mehr Spaß als Verdruß bereitete; er hatte einige Bücher gelesen und hielt sich in Folge dessen für einen sehr gelehrten Menschen. Es kam nicht selten vor, daß er selbst mich belehren wollte. Auch für einen großen Helden hielt er sich, wozu ich freilich der Wahrheit gemäß bemerken muß, daß er allerdings Muth besaß. In Folge dieses seines Selbstbewußtseins war er mit dem einfachen Namen Ali nicht zufrieden und ging, wie dies dort so Sitte ist, bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit auf seine Vorfahren zurück. Wenn er einmal über eine vermeintliche Nichtachtung in Harnisch gerieth, hing er, um zu imponiren, seinem Namen diejenigen seiner nächsten Ahnen an. Dann hieß er nicht bloß Ali, sondern Ali el Hakemi Ibn Abba er-Rumi Ben Hafis Omar en-Nasafi Ibn Sadek Kamil el Batal. Je länger so ein Name ist, desto größer ist die Ehre für den Betreffenden; wer aber die Namen seiner Vorfahren nicht kennt, wird nicht geachtet. Dazu kam, daß Batal so viel wie ”Held“ bedeutet; man kann sich also denken, welch gewichtigen Nachdruck er auf dieses Schlußwort legte.

Was meinen Namen betrifft, so wurde ich nicht bei meinem eigentlichen, sondern, wie auf meinen früheren Reise, Kara Ben Nemsi genannt. Kara heißt ”schwarz“ und Ben Nemsi ”Sohn der Deutschen“. Ich trug einen dunklen Bart und war ein Deutscher; daher dieser Name.

Den letzten Ausflug vor meiner definitiven Abreise wollte ich nach dem Wadi Kouhr machen, ein ziemlich weiter Ritt, der über eine Woche in Anspruch nahm. Wadi heißt Thal und auch Fluß. Meist sind damit diejenigen Wasserläufe gemeint, welche sich zur Regenzeit bilden und dann wieder versiechen. Diese Flüsse sind zuweilen gefährlich. Der Regen in den Tropen ist ein ganz anderer als bei uns. Er gießt nicht nur, sondern er fällt wie eine geschlossene Masse vom Himmel herab; im Nu bildet sich der Fluß und stürzt sich wie eine vorwärtsschießende Mauer das Thal hernieder. Befindet sich in demselben ein Zeltlager, so ist Alles verloren, was nicht augenblicklich fliehen oder gerettet werden kann. Wir standen jetzt kurz vor Beginn der Regenzeit.

Man darf sich nämlich die Sahara nicht als ein ununterbrochenes und ödes Sandmeer denken. Ja, es giebt da schier endlose Sandflächen; aber es erheben sich auch einzelne Berge oder Höhenzüge, welche hohe, steinigte Plateaus tragen. Und Wasser ist auch vorhanden. Wo ein Quell zu Tage tritt, da bildet sich eine Oase mit der üppigsten Vegetation. Oft braucht man nur einige Meter tief zu gehen, um auf Wasser zu treffen, welches freilich meist von keiner guten Beschaffenheit ist; doch wird es um so besser, je tiefer man gräbt; das haben die Franzosen durch ihre artesischen Brunnen bewiesen. Vor Jahrhunderten war die Saharah weit mehr bevölkert und bebaut als jetzt. Noch heut trifft man in der trostlosen Oede auf Römerbauten, welche leider nun der wandernde Sand verschüttet hat.

Interessant sind die Bijara mektumin d. i. geheimen Brunnen, an denen vorüber oder sogar über welche man reiten kann, ohne zu ahnen, daß man sich in so großer Nähe des ersehnten Elementes befindet. Ein weitab von der Karawanenstraße streifender Beduine entdeckt durch Zufall einen wasserhaltigen Ort, gräbt den Sand auf, füllt seinen Schlauch, tränkt sein Kameel, breitet seine Decke über das schmale Loch und wirft den Sand wieder darauf. Von nun an besitzt er einen Punkt, an welchem er rasten und sich erholen kann, und hält denselben geheim. Er verräth ihn nur dann, wenn er Nutzen davon haben kann. Diese heimlichen Brunnen befinden sich meist im Besitze von Räubern oder auch ganzen Raubkarawanen, denen ein solcher Bir (Brunnen) große Sicherheit bietet, da sie dann nicht nöthig haben, die an den Karawanenwegen liegenden Brunnen aufzusuchen und sich dabei in Gefahr zu begeben. -

Meine freundliche Wirthin hatte mich vor unserem Aufbruche mit allem Nöthigen versehen, ohne daß es mich Etwas kostete. Beritten waren wir leidlich, denn ich hatte zwei gute Reitkameele gekauft, sogenannte Hedschihns, während das Lastkameel Dschemel genannt wird. Freilich mußten sie außer uns auch noch die Wasserschläuche tragen, weil ich angewiesen war, sparsam zu sein, und also kein Dschemel kaufen wollte. Es gab, wie gewöhnlich, einen längeren Abschied mit herzlich gemeinten Bitten und Ermahnungen.

”Effendina“, fragte Rahel, ”wirst Du auch Wort halten und wiederkommen?“

”Ich habe noch nie mein Wort gebrochen,“ antwortete ich. ”Nach zehn Tagen sehen wir uns wieder.“

”Ich will Dir glauben, denn Du bist ein Almani (Deutscher), und ich weiß, daß kein Almani lügt. Aber sei ja vorsichtig, und nimm Dich in Acht. Dein jetziges Ziel liegt nahe der Gegend, wo das Gebiet der räuberischen Tibbu beginnt. Wenn Du mit ihnen zusammenträfest, wärest Du verloren.“

”Laß Dein Herz keine Sorge um mich tragen, o Blume der Oase! Ich fürchte mich nicht.“

”Ja, ich weiß gar wohl, daß Du Dich nicht fürchtest,“ meinte sie eifrig; ”aber Du bist verwegen, Effendina. Du hast den Löwen und sogar den schwarzen Panther geschossen, welcher weit gefährlicher ist; Du hast mit vielen, vielen Feinden gekämpft und bist stets Sieger gewesen; aber Dein Körper zeigt noch heut die Narben der Wunden, welche Du bekommen hast, und wie leicht kann ein Messer oder eine Kugel tiefer gehen, als bisher. Versprich mir, daß Du vorsichtig sein willst; gieb mir Deine Hand darauf!“

”Hier ist die Hand; ich verspreche es.“

Sie nahm meine Hand in ihre beiden kleinen Hände, sah mir mit feuchten Augen in das Gesicht und fuhr fort:

”Du weißt, daß wir Dich lieb gewonnen haben und sehr, sehr traurig sein würden, wenn Dir ein Unglück geschähe. Denke ja daran, Effendina!“

”Sei gewiß, daß ich dies keinen Augenblick vergessen werde, o schönste der Rosen von Sokna!“

”Nicht dieses Wort! Du weißt, daß Du mich nicht so nennen sollst. Von Dir mag ich das nicht hören. Du sollst nur denken, daß ich gut und Deine Freundin bin; das Andere ist nicht nöthig. Allah jebarik fik; Allah jesellimak - Gott segne Dich; Gott erhalte Dich!“

Nach diesen Worten wendete sie sich ab und entfernte sich. Ihr Vater entließ mich in derselben Weise; dann ritten wir an den Palmen-, Granaten-, Oliven-, Feigen-, Pfirsich- und Aprikosengärten der Stadt vorüber und zum Thore hinaus. Zwischen Wassermelonenfeldern ging es dann ostwärts weiter, wo bald die Vegetation verschwand und unsere Kameele im Sande zu waden begannen. Was unsere Kleidung und Waffen anbetrifft, so trug ich aus Erfahrungsgründen Hose, Weste und Jacke von einem leichten, dunkelgrauen Stoffe und darüber den mantelartigen weißen Haik mit Kapuze. An den Turban hatte ich zum Schutze der Augen vorn einen blauen Schleier befestigt. Ali war ähnlich gekleidet. Er besaß außer einem Messer und seinen zwei Pistolen eine lange, einläufige arabische Flinte. Ich hatte meine lang und oft bewährten Waffen bei mir: das Bowiemesser, zwei Revolver, den schweren Bärentödter, aus welchem eine gutgezielte Kugel genügte, um einen Löwen niederzustrecken, und endlich den, wie ich wohl sagen darf, berühmt gewordenen Henrystutzen, aus welchen ich fünfundzwanzig Schüsse abgeben kann. Der Erfinder dieses Gewehrs hat nur zwölf Stück davon angefertigt; elf sind mit ihren Besitzern in den nordamerikanischen Prairien verloren gegangen; mein Exemplar ist das letzte und einzige, welches es noch giebt.

Für unsere Anzüge hatte ich dunkelgrau gewählt, weil diese Farbe das Anschleichen am Besten gestattet, das unbemerkte Herankommen an den Feind. Dieses Anschleichen ist eine gar nicht so leichte Kunst, wie man vielleicht denken mag; ich habe derselben viele, viele Male mein Leben und auch dasjenige meiner Gefährten zu verdanken gehabt und war überzeugt, daß sie mir auch während meiner jetzigen Reise Nutzen bringen werde; die Farbe des Anzuges mußte mich dabei unterstützen.

Die ersten drei Tage unsers Rittes verliefen in so erwünschter, glücklicher Weise, daß ich weiter nichts über dieselben zu erwähnen habe. Das Wadi Kuohr liegt in der libyschen Wüste, südöstlich von Mursuk und südwestlich von der Oase Kufarah. Die libysche Wüste ist der Theil der Sahara, welcher bekannt ist als der unwegsamste und gefährlichste. Uns machte sie zwar ein tiefernstes, aber doch kein feindseliges Gesicht.

Wir hatten seit Mursuk keinen Menschen zu sehen bekommen und wünschten auch nicht, Jemandem im Wadi Kouhr zu begegnen. In jenen Gegenden muß man sich gewöhnen, in jedem Menschen, den man trifft, einen Feind zu erblicken. Nach dem Wadi aber mußten wir, denn dort gab es Wasser, und wir mußten unsere Schläuche, welche leer geworden waren, wieder füllen. Uebrigens kannte ich das Wadi nicht, und auch Ali war noch niemals da gewesen.

Schon wollte sich der dritte Tag zur Rüste neigen; wir waren so schnell geritten, daß wir nach meiner Berechnung das Ziel unbedingt vor Nacht erreichen mußten, wenn wir keine falsche Richtung eingeschlagen hatten, und doch ließ sich nichts sehen, was auf die Nähe des Wadi hätte schließen lassen können. Schon wollte Ali bedenklich werden; er fragte:

”Effendi, wir hätten doch einen Führer mitnehmen sollen. Wenn wir heut das Ziel verfehlen, wissen wir nicht, nach welcher Richtung es zu finden ist, und stehen vor dem Tode des Verdürstens.“

”Habe keine Sorge,“ antwortete ich ihm. ”Ich weiß mich schon zurecht zu finden. Da, schau hinauf gen Himmel, grad vor uns! Da giebt es ein Zeichen, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden. Kennst Du die beiden Vögel, welche da ihre Kreise ziehen?“ ”Ja, es ist ein Schahin (Falke) mit seiner Frau. Sollte der wirklich die Nähe des Wadi bedeuten?“

”Gewiß; leider aber auch die Nähe von Menschen. Der Schahin folgt gern den Karawanen, und aus der Richtung, in welcher er dort oben fliegt, kann man folgern, wohin sich unten die Karawane bewegt, obgleich man sie noch nicht zu sehen vermag. Diese beiden Falken schweben langsam im Kreise; sie bewegen sich nicht fort, folglich sind die Menschen unter ihnen nicht im Reiten begriffen, sondern sie lagern.“

”Allah! Wie Du das so sicher sagen kannst! Du bist wirklich kein ganz dummer Kerl, Effendi; dieses Lob muß ich Dir geben. Was das zu bedeuten hat, wirst Du wohl wissen?“

”Ja, nämlich nicht viel.“

”Ajjuha - oho! Ich bin ein Mann, der Alles kennt, was es auf Erden giebt; ein solches Lob aus meinem Munde ist also ein Vorzug, der nicht Jedem zu Theil wird. Ich hoffe jedoch, daß Du nicht darüber stolz wirst und Dich überhebst, denn die Bescheidenheit ist die größte Zierde wahrhaft großer und gebildeter Männlichkeit. Auch der Prophet ist, was Du als Christ aber nicht wissen kannst, niemals stolz gewesen.“

”Da verwechselst Du wohl Euern Muhammed mit Isa Ben Marryam, unserm Gottessohne. Meinst Du übrigens nicht, daß die Bescheidenheit auch Dir zur Zierde gereichen würde?“

”Allerdings,“ nickte er. ”Besitze ich sie etwa nicht?“

”Ist es bescheiden, wenn Du behauptest, Alles zu kennen, was es auf Erden giebt?“ ”Ja, denn ich habe mich nicht überhoben, sondern die Wahrheit gesagt. Das wirst Du zugeben.“

”Im Gegentheile, ich bestreite es.“

”Bestreiten? Effendi, willst Du mich beleidigen? Bring mir doch einmal Etwas, was ich nicht kenne!“

”Hast Du unsern Weg nach dem Wadi gekannt? Kennst Du meinen Vater, meine Mutter? Nenne mir doch einmal ihre Namen!“

Da fuhr er sich mit der Hand hinter das Ohr, kratzte sich dort verlegen und antwortete:

”Du verlangst zu viel von mir, Effendi. Wie kann ich alle Menschen, die Väter ihrer Ahnen und die Urahnen ihrer Großväter kennen! Ich habe gesagt, daß ich Alles kenne, aber nicht, daß ich allwissend bin. Doch schau, kommt dort nicht ein Reiter geritten?“

Wir hatten das Wadi vor uns zu suchen; er deutete aber nach rechts, nach Süden, wo ich allerdings zu gleicher Zeit mit ihm den Reiter erblickt hatte. Dieser wollte jedenfalls auch nach dem Wadi; aber als er uns sah, hielt er sein Kameel für einen Augenblick an und verließ dann seine bisherige Richtung, um auf uns zuzulenken.

Als er uns so nahe gekommen war, daß wir ihn und sein Thier deutlich erkennen konnten, sah ich, daß er ein vornehmer und reicher Mann sein müsse, denn er ritt ein graues Bischarihnhedschihn, eines jenes Reitkameele, welche kaum zu kaufen sind. So ein Hedschihn kann, wenn es eine Stute ist und überhaupt veräußert wird, nach deutschem Gelde dreißigtausend Mark und noch mehr kosten. Ich hatte früher ein solches Thier geritten und mit demselben an einem Tage zwischen neunzig und hundert Kilometer zurückgelegt. Ihren Namen haben diese Hedschihns von den Bischarinommaden, welche am oberen Nile wohnen. In der Sahara werden sie meist von den Tibbu gezüchtet, welche daraufhin bekannt sind, daß sie die schönsten Reitkameele besitzen.

Und zu diesem Volke der Tibbu schien der Reiter zu gehören, welcher jetzt auf uns zukam. Seine Hautfarbe war fast so dunkel wie diejenige eines Negers; man hätte ihn leicht für einen solchen halten könnten, wenn er nicht eine gerade Nase und weniger aufgeworfene Lippen gehabt hätte. Seine Gestalt schien, so weit der weiße, faltige Burnus dies erkennen ließ, lang und schlank, aber sehr kräftig zu sein; sein schwarzes Haar hing ihm in langen Zöpfen auf den Rücken herab. Anstatt des Turbans trug er ein rotes Keffije (Kopftuch); eine lange, einläufige Flinte lag quer vor ihm auf dem Sattel. Zehn Schritte vor uns hielt er sein Hadschihn an, machte eine leichte Handbewegung nach der Brust und grüßte:

”Sallam! Wohin geht Euer Weg?“

Sein Blick ruhte finster und forschend auf uns. Der Mann gefiel mir nicht. Wenn der Beduine so kurz grüßt, ist das stets ein sicheres Zeichen, daß er keine freundlichen Absichten hegt. ”Sallam,“ antwortete ich also ebenso kurz. ”Wir wollen nach dem Wadi Kouhr.“ ”Kennst Du es?“ ”Nein; ich war noch niemals dort.“ ”So weiß aber dieser Dein Begleiter den Weg?“ ”Auch nicht.“ ”Maschallah - Wunder Gottes! Wie habt Ihr Euch da zurecht finden können?“ ”Allah ist der Führer der Seinen. Wer ihm vertraut, geht niemals irr.“

Er machte eine verächtliche Armbewegung und bemerkte:

”Allah wohnt im Himmel. Er wird nicht vor Dir hergeritten sein, um Dir den Weg zu zeigen. Woher kommt Ihr?“

”Von Mursuk.“

Es ging, als ich diesen Ort nannte, wie ein schnelles Leuchten über sein Gesicht; dann fragte er: ”Wohnt Ihr dort?“ ”Nein. Ich habe mich nur dort ausgeruht.“ ”Wie lange?“ ”Fünf Wochen.“ ”So wirst Du dennoch die Stadt und ihre Bewohner kennen gelernt haben. Hast Du vielleicht einen jüdischen Tagir (Kaufmann) gesehen, welcher Manasse Ben Aharab heißt?“

”Ja. Ich war sein Gast und habe bei ihm gewohnt.“

Wieder bemerkte ich dieses blitzartige Leuchten, welches über sein Gesicht zuckte. Dann erhellten sich seine bisher finsteren Züge, und er sagte in viel freundlicherem Tone:

”Danke Allah, daß dem so ist; Manasse ist mein Freund, und da Du der seinige bist, heiße ich Dich willkommen. Folge mir!“

Er hatte nur zu mir gesprochen, wohl weil er errieth, in welcher Stellung sich Ali zu mir befand. Diesen schien das zu ärgern, denn als der Fremde jetzt sein Kameel wendete, ergriff er schnell das Wort: ”Halt, warte noch! So rasch, wie Du meinst, geht das nicht. Wir müssen wissen, wer Du bist.“

Da drehte sich der Angeredete wieder nach uns um, betrachtete ihn mit zusammengezogenen Brauen und fragte:

”Wer bist denn Du, daß Du so zu mir zu sprechen wagst?“

”Wagst? Ist es ein Wagniß, mit Dir zu reden? Ich kenne keinen Menschen, vor dem ich mich zu fürchten hätten, denn ich bin Ali el Hakemi Ibn Abbas er-Rumi Ben Hafis Omar en Nasafi Ibn Sadek Kamil el Batal! Verstanden? El Batal, el Batal!“

Er wiederholte diesen Beinamen und betonte ihn stark, weil das Wort, wie bereits bemerkt ”der Held“ bedeutet. Der Fremde ließ ein leises Lächeln um seine Mundwinkel sehen und antwortete:

”Ja, el Batal; ich höre es, Du bist der Nachkomme dieses Mannes; aber der Enkel oder Urenkel eines Helden kann ein großer Feigling sein. Was bist Du denn?“

”Ich? Ich bin ein großer Krieger und ein großer Alim (Gelehrter). Es giebt auf Erden keine Wissenschaft, die meinem Auge verborgen wäre. Wie ist Dein Name, und zu welchem Stamme gehörest Du?“

Das Lächeln des Andern wurde stärker und, wie es mir schien, zugleich verächtlicher; er antwortete ihm nicht, sondern wendete sich zu mir:

”Ist dieser Mann mit dem langen Namen Dein Freund, Dein Bruder oder vielleicht Dein Diener?“

”Das Letztere,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß und innerlich erstaunt über den Scharfblick, der er durch diese Frage verrieth.

”So sag ihm, daß ein freier Mann sich nicht von einem Menschen, welcher bezahlt wird, ausfragen läßt. Du bist der Herr, und Dir will ich Auskunft geben: Ich bin ein Tedetu und werde Tahaf genannt. Und nun komm; ich werde Dich zu meinen Leuten führen.“

Er wendete abermals um und ritt davon. Während wir ihm folgten, drängte Ali sein Kameel nahe an das meinige und raunte mir zu:

”Was hast Du gethan, Effendi! Du hast mein Angesicht schamroth gemacht. Mußtest Du ihm sagen, daß ich Dein Diener bin?“

”Ja,“ antwortete ich.

”Warum?“

”Weil ich nie lüge, und weil Du Dich für einen großen Gelehrten ausgabst, Prahlhans. Wer mehr von sich sagt, als was er kann und was er ist, dem kann es nichts schaden, wenn er an die Wahrheit erinnert wird.“ ”So giebst Du also nicht zu, daß ich ein Gelehrter bin?“ ”Nein.“ Um weiteren Vorwürfen zu entgehen, lenkte ich mein Kameel von ihm weg und an die Seite des Tedetu. Tedetu ist die Einzahl von Tibbu; ein Einzelner vom Tibbuvolke wird also nicht Tibbu, sondern Tedetu genannt; ich hatte also ganz richtig vermuthet, als ich annahm, daß er zu den Tibbu gehöre. Er beobachtete mich, als ich nun neben ihm ritt, scharf von der Seite her. Ich sah, daß sein Blick besonders an meinen beiden Gewehren hing. Solche Waffen waren ihm natürlich unbekannt. Er schien ein sehr schweigsamer Mensch zu sein, und auch ich hielt es nicht für nöthig, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Erst nach längerer Zeit fragte er: ”Du wirst unser Gast sein und kennst meinen Namen. Willst Du mir nicht den Deinigen nennen?“ ”Ich heiße Kara Ben Nemsi.“ ”Ben Nemsi? So bist Du wohl aus einem fremden Lande?“ ”Ja, aus dem Belad el Alman (Deutschland).“ ”Also kein Fransawi (Franzose)?“ ”Nein.“ ”Ich habe von dem Belad el Alman gehört. Es regiert da ein großer Sultan, welcher Wi-hel (Wilhelm) heißt und die Franzosen besiegt hat. Diese sind unsere Feinde; darum ist jeder Almani unser Freund, und meine Leute werden sich freuen, Dich zu sehen. Natürlich bist Du auch ein Krieger?“

”Eigentlich nicht.“

”Was denn? Ich sehe doch, daß Du viele Waffen trägst.“

”Ich habe sie nur, um mich zu vertheidigen, wenn ich angegriffen werde. Ich bin ein Musannif (Schriftsteller), also ein Mann des Friedens.“

Da maß er mich mit einem halb verächtlichen, halb mitleidigen Blick und rief aus:

”Allah erhalte Dir den Verstand! Du trinkst daheim schwarze Tinte und trägst hier zwei Flinten auf dem Rücken. Hat Dir die Gluth der Sonne das Gehirn verbrannt? Wer kein Krieger ist, ist auch kein Mann. Ein Musannif muß bei den alten Weibern sitzen. Du bist doch stark und kräftig; der Prophet muß Dich schlecht erleuchtet haben!“

Das war grob. Ich antwortete: ”Ich verlange kein Licht von ihm, denn ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.“

Ich wußte recht gut, was ich wagte, indem ich ihm das so offen sagte. Dieser Mann mit dem stolzen Auge und dem verächtlichen Lächeln irrte sich in mir. Ich ritt mit so bescheidener Miene neben ihm her; wahrscheinlich lernte er mich recht bald anders kennen. Er drängte sein Hedschihn ein Stück von mir weg und rief aus:

”Allah bewahre mich! Ein Christ bist Du, ein verdammter Giaur, den der Teufel ...“

”Uskut - schweig!“ unterbrach ich ihn, indem ich mich im Sattel aufrichtete. ”Du hältst Deinen Glauben und den meinigen für den richtigen. Wenn Du mich ungläubig nennst, kann ich Dich mit demselben Rechte ebenso heißen. Ich thue es aber nicht, weil wir Christen gewöhnt sind, höflich zu sein. Einen Giaur laß ich mich nicht nennen; das merke Dir ja!“

Er sah ganz erstaunt zu mir herüber; ein solches Auftreten hatte er mir nicht zugetraut. Er fragte: ”Was wolltest Du dagegen thun? Etwa mich erschießen?“ ”Nein.“ ”Was denn?“ ”Eine Kugel ist ein Beleidiger nicht werth. Ich würde Dich einfach mit dieser meiner Faust vom Kameele schlagen.“

Das war nach den Gebräuchen der Tibbu eine todeswürdige Beleidigung. Ein Schlag mit der Hand oder mit einem Gegenstande, der keine Waffe ist, und auch die blose Androhung eines solchen Hiebes ist eine Kränkung, welche nur mit Blut abgewaschen werden kann. Er fuhr auch sofort mit der Hand unter den Burnus und rief, indem er eine Pistole hervorzog:

”Mich schlagen? Das muß...“

Aber noch schneller als er hatte ich den Revolver in der Hand, zielte auf seinen Kopf und fiel ihm in die Rede:

”Weg mit der Pistole! Sobald Du sie auf mich richtest, fahren Dir zwei oder drei Kugeln in den Kopf! Ich werde Dir beweisen, daß ein Muasannif nicht bei den alten Weibern zu sitzen braucht, sondern auch ein tapferer Mann sein kann. Ich habe Dich beleidigt, weil Du vorher mich beleidigtest; wir sind also quitt. Ist Dir das nicht recht, so bin ich sofort bereit, vom Kameele zu steigen und mit Dir zu kämpfen, wie es sich unter Kriegern ziemt!“

Es ging eine ganz eigenthümliche Bewegung über seine erregten Züge; dann steckte er die Pistole zurück und sagte in erzwungen ruhigem Tone:

”Wohlan, Du hast Recht. Wir haben uns gegenseitig beleidigt und sind nun quitt, weil Du mein Gast sein sollst. Reiten wir weiter!“

Diese schnelle Beruhigung war eine nur scheinbare; ich ließ mich durch sie nicht täuschen und wußte genau, daß, selbst wenn er mir vorher freundlich gesinnt gewesen wäre, was aber gewiß nicht der Fall war, ich nun in ihm einen unversöhnlichen Feind erworben hatte. Am Liebsten hätte ich mich von ihm getrennt; das ging aber nicht an, denn er ritt nach dem Wadi, wo wahrscheinlich seine Tibbu lagerten, und ich mußte auch hin, weil wir Wasser brauchten, welches mehrere Tagereisen weit an keinem andern Orte zu finden war. Ich hegte die Ueberzeugung, daß wir einer großen Gefahr entgegengingen, doch hatte ich ganz und gar keine Lust, mich vor derselben zu fürchten.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
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